ICE-Fahrt nach München endet im niedersächsischen Nirgendwo


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Von: Christian Einfeldt

ICE.
10 Stunden unterwegs – doch den Münchner Hauptbahnhof sollte ich nicht erreichen. (Symbolbild) © Martin Wagner/Imago

Nach rund zehn Stunden war ich angekommen: nicht am geplanten Ziel in München, sondern wieder zu Hause. Wie meine ICE-Fahrt von Kiel nach München scheiterte.

Kiel/München – Die Strecke war ich mittlerweile schon fast gewohnt: Am vergangenen Sonntag (12. März) sollte es für die Arbeit wieder nach München gehen. Knapp 890 Kilometer von meiner Heimat Kiel entfernt. Eine Distanz, die mit dem ICE normalerweise innerhalb von sieben bis 9 Stunden zu schaffen ist. Auf langes Warten hatte ich mich also bereits vor meiner Fahrt eingestellt – auch auf Verspätungen. Dass ich jedoch zehn Stunden brauche, am Ende des Abends statt am Münchner Hauptbahnhof wieder zu Hause lande – vor der Fahrt völlig ausgeschlossen.

Mit dem ICE von Kiel nach München: Am Anfang lief alles noch nach Plan

Gegen 11.50 Uhr verließ ich meine Wohnung. Mein Zug sollte erst um 12.43 Uhr fahren, also blieb mir noch Zeit, am Kieler Hauptbahnhof etwas Verpflegung für die Fahrt zu kaufen. Unter anderem kaufte ich: einen Kaffee und für die Fahrt eine Flasche Mate-Tee – ich wusste schließlich, dass die Reise lang wird.

Pünktlich um 12.43 Uhr fuhr der ICE Richtung Süden los. Dass der Zug mit einem Halt am Bahnhof in Lübeck einen Umweg gemacht hat, sollte sich angesichts der folgenden Stunden noch als das kleinste Übel herausstellen. Baumaßnahmen am Bahnhof Hamburg-Diebsteich, bis zum 19. März angekündigt, waren der Grund: Statt auf direktem Weg, Kiel-München über den Hamburger Hauptbahnhof, fuhr ich also entlang der Landschaften der Holsteinischen Schweiz. Angekommen in Lübeck begann es erst zu regnen, dann zu schneien. Anzeichen, dass ich Norddeutschland nicht mehr verlasse, gab es zu diesem Zeitpunkt keine.

Kurz hinter Hamburg: Zug mit „außergewöhnlich hoher Auslastung“ setzte Fahrt um 16.15 Uhr nicht mehr fort

Als der ICE um 14.16 Uhr den Lübecker Hauptbahnhof verlassen hatte, stand auf der Anzeige das Ziel – eines, das ich nie erreichen sollte: München Hauptbahnhof. Von den vielen Zwischenstopps – unter anderem Hamburg-Harburg, Hannover, Kassel und Nürnberg – konnte nur ein Bahnhof planmäßig angefahren werden. Zwar mit etwa 20 Minuten Verspätung – aber immerhin.

Dann, noch in Hamburg, die ersten bedrohlichen Zeichen: Immer wieder blieb der Zug kurz vorm Harburger Bahnhof stehen, nur um wenig später weiterzufahren. In Harburg, südlichster Stadtbezirk der Hansestadt Hamburg, kam ich trotzdem an. Dort wurde erstmals klar, was die Deutsche Bahn gemeint hatte, als sie schon zuvor in der App vor einer „außergewöhnlich hohen Auslastung“ gewarnt hatte. Einige Fahrgäste mussten sich auf eine lange Zugfahrt ohne Sitzplatz einstellen. Zusätzlich machte sich allmählich auch das Fehlen von frischer Luft bemerkbar. Ausgerechnet jetzt – mittlerweile war es etwa 16.15 Uhr – sollte der Zug ein letztes Mal stehen bleiben – im niedersächsischen Nirgendwo.

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„Wir haben keinen Strom“: Offen, wann und, ob der Münchner Hauptbahnhof noch zu erreichen war

Klarheit über die aktuelle Situation und wie es weitergeht, gab es lange Zeit nicht. Der Zug machte keinen Meter und alle Fahrgäste wurden zusehends ungeduldiger. Gefühlt vergingen unzählige Minuten, bis die erste Ansage kam. Eine Zugbegleiterin betrat unser Abteil. Mit leiser Stimme äußerte sie sich zu den Hintergründen des ungeplanten Halts. Die Essenz: Wir müssten evakuiert werden. Es hätte ein Problem mit der Energiezufuhr des Zuges gegeben. „Wir haben keinen Strom“, so die Zugbegleiterin. Wann und ob es überhaupt weiter Richtung München geht, blieb dabei völlig offen.

Es wurde also ein neuer Zug bestellt, der unsere Weiterfahrt auf den benachbarten Bahngleisen hätte garantieren sollen. Das dauerte natürlich. Einige versuchten sich mit ihrem Smartphone abzulenken, mache vertieften sich in ihrem Buch. Eines hatte jedoch bereits Routine: Der genervte Satz: „Heute wird es später“, als die nächste Person aus dem Abteil Angehörige über den Verlauf der Zugfahrt informiert hatte.

Wenn nicht auf eine Weiterfahrt, so hofften wohl mittlerweile viele darauf, etwas frische Luft zu bekommen – zumindest war das mein Gedanke. Auf meinen Fensterplatz konnte ich dann irgendwann etwas sehen, das erst einmal für etwas Erleichterung gesorgt hat: Der andere Zug ist da – auf ihm die Aufschrift „Wir fahren mit Öko-Strom“. Eine Sitznachbarin, die mir vorher erzählt hatte, dass sie nach Nürnberg wollte, murmelte: „Ja, super. Das haben wir jetzt davon“.

Wieder Kiel statt München: Versuch nach Bayern zu kommen endete nach 10 Stunden – zu Hause

Wir mussten wieder lange warten, bis das Zugpersonal auch unser Abteil erreicht hatte. Die Begleiter sollten uns in den nächsten Zug bringen. Dabei gingen sie auf Nummer sicher, dass sich niemand verletzt und auch alle persönlichen Wertgegenstände im neuen ICE landen. Bis wir einsteigen durften, verging eine besonders lange Wartezeit. Schließlich saßen wir im hintersten Zugabteil.

Ein Blick auf die Uhr: Mittlerweile war es 18 Uhr. Eigentlich wäre ich jetzt schon in Fulda. Wenig später sollte sich allerdings herausstellen, wo ich stattdessen gelandet war und wo in etwa der Zug zum Erliegen kam: kurz hinter dem Bahnhof von Winsen (Luhe), einer kleinen Stadt im niedersächsischen Landkreis Harburg – knapp 140 Kilometer von Kiel entfernt.

Vom Bahnhof der Kleinstadt aus konnten wir wieder nach Hamburg – und ich dann wieder nach Kiel. Nach all den Strapazen nahm ich Gedanken an den Rückweg mittlerweile dankend in Kauf. Einige Minuten der Wartezeit und Umstiege in Hamburg und Pinneberg später war ich denn also wieder am Kieler Hauptbahnhof. Es war 21.50 Uhr. 10 Stunden unterwegs und weit bin ich doch nicht gekommen. Immerhin: Auf den Kieler Stadtbus war Verlass.

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Quellenlink https://www.tz.de/muenchen/stadt/10-stunden-fuer-140-km-ice-fahrt-nach-muenchen-endet-im-niedersaechsischen-nirgendwo-92150383.html?cmp=defrss