Deutschland bei der Handball-WM: Stark gekämpft, aber doch verloren – Sport


Irgendwann sackten die Schultern der deutschen Handballer nach unten. Mit jedem Tempogegenstoß, den die Franzosen im deutschen Tor unterbrachten; mit jedem Wurf, der an den Armen des französischen Torhüters Remy Desbonnet abprallte, sank der Glaube an die große Überraschung. Dann spielte Juri Knorr einen Fehlpass, die Franzosen fingen den Ball mühelos ab und warfen ihn ins leere deutsche Tor. Das Spiel war verloren.

Es war über mindestens 45 Minuten ein großer Kampf, den sich die deutschen Handballer im Viertelfinale der WM in Schweden und Polen mit den klar favorisierten Franzosen geliefert hatten – aber eben nur 45 Minuten lang. Am Ende zog Frankreich unerbittlich davon, die Deutschen verloren 28:35 (15:15) und sind ausgeschieden bei dieser WM.

Die Deutschen starten stark – und führen sogar mit vier Toren

Es gab ja schon ein paar legendäre Aufeinandertreffen zwischen deutschen und französischen Handballern, das erinnerungswürdigste aus deutscher Sicht war das Halbfinale der WM 2007, in einer völlig außer Rand und Band geratenen Kölner Arena. Damals trafen zwei Weltklasseteams aufeinander, zweimal ging es in die Verlängerung; es waren dramatische Sekunden, als Markus Baur die Deutschen per Siebenmeter in Führung brachte, Frankreich ein mutmaßlich reguläres Tor abgepfiffen wurde, der deutsche Torwart Henning Fritz den letzten Rückraumwurf von Daniel Narcisse parierte – und Fritz anschließend wie von Sinnen mit dem Ball in der Hand durch die Arena sauste.

Doch das ist lange her, diesmal war die Ausgangslage eine andere. Die Franzosen haben bis heute ein Weltklasseteam beisammen, die Deutschen sind eher auf dem Wege, wieder eines zu werden. Hätte den Deutschen diesmal ein Sieg gelingen sollen, dann hätte alles, aber auch alles passen müssen.

Erstmal passte gar nichts, nicht mal die Zeitplanung. Das Spiel ging mit 20 Minuten Verspätung los, Grund war die doppelte Verlängerung im vorausgegangenen ersten Viertelfinale in Danzig, das Spanien knapp 35:34 gegen Norwegen gewann. Als die Referees endlich anpfiffen, sorgte Kai Häfner mit beherztem Durchtanken für das erste deutsche Tor. Auch der erste Siebenmeter von Juri Knorr landete im Tor; zudem packte Torwart Andreas Wolff gleich ein paar Bälle der Franzosen an. Als Knorr auch aus dem Spiel heraus traf, führte das deutsche Team nach acht Minuten 7:4. Ging hier was?

So ein früher Rückstand schockte die Franzosen natürlich nicht. Viele Spieler im Kader sind schon Olympiasieger, Weltmeister und Europameister gewesen; die Situationen im Handball, die Nikola Karabatic oder Kentin Mahé noch nicht erlebt haben, müssen erst noch erfunden werden. Die zwischenzeitliche Vier-Tore-Führung der Deutschen (11:7) glichen sie binnen nicht einmal zwei Minuten aus (11:11). Der französische Gegenstoß klappte nun besser, Trainer Gislason nahm folgerichtig seine erste Auszeit, mahnte mehr Ruhe und Konzentration an. Die schöne Führung war erstmal futsch.

In der zweiten Halbzeit scheitern die Deutschen viel zu oft an Torwart Remy Desbonnet

Es wäre ein Moment gewesen, indem das Spiel hätte kippen können. Das DHB-Team hatte sich in den vergangenen Jahren bei großen Turnieren immer wieder unerklärliche Aussetzer geleistet, bis der Rückstand zu groß war, um noch einmal zurückzukommen. Doch diesmal wehrten sie sich: Torwart Wolff parierte mit extrem hoch erhobenem rechtem Bein einen Gegenstoß von Dika Mem; vorne erzielte der Erlanger Christoph Steinert schon sein drittes Tor in der ersten Halbzeit. Und als der Franzose Melvyn Richardson, der Sohn des großen Jackson Richardson, zum dritten Mal an die Siebenmeterlinie schritt, schickte Gislason seinen zweiten Torwart Joel Birlehm zwischen die Pfosten. Der bekam eine Hand an den Ball, das Spielgerät sprang an die Latte – gehalten. Zur Pause waren beide Teams gleichauf, 15:15. Ein schnelles, temporeiches und tatsächlich ausgeglichenes Spiel.

In der zweiten Halbzeit ging es zunächst rasant weiter. Erst ein Kempa-Trick von Lukas Mertens und Häfner, dann ein Pass von Knorr aus der eigenen Hälfte heraus an den Kreis zu Kapitän Johannes Golla – die Deutschen führten wieder (19:17). Es waren nun die Franzosen, die oft überhastet agierten. Kentin Mahé, in Deutschland bestens bekannt aus seiner Zeit in Hamburg, ließ aus dem Rückraum einen eher halbherzigen Wurf los, den Wolff mühelos parierte.

Aber wieder konnte Gislasons Team die Führung nicht lange verteidigen. Der international eher unbekannte Remy Desbonnet im französischen Tor wurde nun zum entscheidenden Faktor, er parierte Ball um Ball; die deutschen Rückraumspieler machten es ihm teilweise aber auch leicht, mit arg unplatzierten Würfen. Nun führten die Franzosen, 22:20, und sie bauten den Vorsprung weiter aus. Gislason wechselte, er brachte Luca Witzke und Djibril M’Bengue. Doch Frankreich spielte zu stabil, um das Spiel noch einmal kippen zu lassen.

Im Halbfinale dieser WM stehen nun, neben den Franzosen und Spaniern, auch die Dänen (40:23 gegen Ungarn) und Schweden (26:22 gegen Ägypten). Die Deutschen wollen auch in diesen Kreis der letzten vier Teams bei einem großen Turnier, vielleicht ja in einem Jahr bei der Heim-Europameisterschaft in Deutschland.



Quellenlink https://www.sueddeutsche.de/sport/handball-wm-deutschland-frankreich-viertelfinale-gislason-knorr-karabatic-1.5739299